Residence, interdisciplinary project, performance

 

 

Residence:

12.09 – 09.10.2016

ZKM, Karlsruhe, Germany

 

Project presentation:

9.10.2016 / 20:00

Kubus, ZKM, Karlsruhe, Germany

 

 

Author team: Yuri Akbalkan, Alexandra Portyannikova, Sergey Shabohin, Snezhana Vinogradova

 

Team ZKM: Luise Wiesenmüller (production manager), Hans Gass (lighting, event engineering), Sebastian Schottke (sound engineer), Matthias Müller (sound engineer), Bernhard Sturm (operating technology), David Luchow (assistant operating technology), Götz Dipper (music informatics), Yannick Hofmann and Caro Mössner (secretary), Christina Zartmann and Anna Titova (video documentation), Anton Kossjanenko (recording)

 

Support: Goethe-Institut St. Petersburg

 

 

 

 

 

 

Explication (in German):

 

Das Projekt ПУСТ* bezieht sich auf die Ereignisse des 7. und 8. Dezember 1991, in deren Verlauf die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands den sogenannten Vertrag von Minsk bzw. die Vereinbarungen von Beloweschskaja Puschtscha zur offiziellen Auflösung der Sowjetunion unterzeichneten, wobei gleichzeitig die Gemeinschaft unabhängiger Staaten gegründet wurde.

 

Dieser sehr bedeutende politische Bruch geschah in einer Jagdresidenz in einem Waldstück der Bialowiezer Heide (Weissrussland), dem letzten Tiefland-Urwald Europas. Diese Ereignisse, die unter strenger Geheimhaltung stattfanden, werden bis heute noch mythologisiert. Verschiedene Quellen berichten von einer Vielzahl umstrittener Geschehnisse – so sei der Ort in dem betreffenden Zeitraum von Geheimdiensten eingekesselt gewesen, welche jedoch nicht reagiert hätten; andere Quellen verlauten, der Vertrag sei im betrunkenen Zustand unterzeichnet worden; ferner kursiert das Gerücht, die unterzeichneten Papiere seien zeitweise verschwunden und am Folgetag im Mülleimer wiedergefunden worden; zudem seien die Unterzeichner bereit gewesen, im Fall des Verrats zu Fuß durch den Wald über die Grenze nach Polen zu flüchten – und anderen Mutmaßungen.

 

Die Autoren des ПУСТ* Projekts sind Vertreter einer Generation, die den Zerfall der Sowjetunion miterlebt und somit das historische Trauma der Epochenwende mitempfunden hat. Mit künstlerischen Mitteln versucht sich das Kollektiv, mit den Ereignissen in der Beloweschskaja Puschtscha, der Angst vor dem „wilden Wald“ sowie mit „wilder“ Politik, dem Moment der Zerstreuung bei gleichzeitiger Entschlossenheit, der zweifelhaften Wirksamkeit dieser politischen Entscheidung und dem Einfluss dieser widersinnigen und unberechenbaren Faktoren, auseinanderzusetzen.

 

Das interdisziplinäre Projekt besteht aus Bewegung, Klang, Video und Objekten. Ein System aus Formen und der Einsatz verschiedener künstlerischer Mittel – eine ringartige Anord- nung analoger Sinustöne, Knackgeräusche von Äxten und Gelenken, Reibegeräusche von Spielwürfeln, körperliche Al- legorien, Ansichten des Waldes, sowjetisches Kristallgeschirr und andere gefundene Objekte – erschaffen einen Raum, der dieses historische Ereignis erlebbar macht.

 

Der Titel ПУСТ* hat mehrere Konnotationen: einerseits, bedeutet er „wilder, unbewohnter, dichter, wegeloser Wald“ (Beloweschskaja Puschtscha), anderseits „Leere“ und „Öde“. Zugleich bedeutet das Wort sinngemäß „lass es geschehen“ – als eine Art Duldung der Tatsache, unter Bedingungen des politischen Chaos zu leben. Eine Kritik an der Gesellschaft und an uns selbst.

 

* ПУСТ (PUST) – der Titel des Projekts verweist auf die alt- slawische Ethymologie des Wortes пуща (Puschtscha), was so viel wie „Urwald“ bedeutet. Das Wort wurde aus der kurzen Form des Adjektivs пуст (leer) gebildet. Von demselben Wortkern stammen mehrere Wörter innerhalb der slawischen Sprachen ab: пустота (Leere), пустыня (Wüste), пусть (sinngemäß: lass es geschehen).

 

 

 

zkm.de